Monday, August 8, 2022
HomeUnternehmenDie Lieferkettengesetzgebung kommt

Die Lieferkettengesetzgebung kommt

Die Bundesregierung will Unternehmen verpflichten, ihrer globalen Verantwortung besser gerecht zu werden. Professor Achim Truger, ein führender Wirtschaftsexperte, erklärt warum.

Kleidung aus Asien, Kakao und Obst aus Afrika und Kaffee aus Südamerika: Deutsche Unternehmen profitieren von der Arbeit in anderen Teilen der Welt. Die Bundesregierung erwartet nun, dass Unternehmen ihrer globalen Verantwortung besser gerecht werden. Zu diesem Zweck hat sie ein Gesetz zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht in Lieferketten vorgeschlagen. Ihr Hauptziel ist es, den Schutz der Menschenrechte in globalen Lieferketten zu verbessern und die Einhaltung grundlegender Prinzipien wie das Verbot von Kinder- oder Zwangsarbeit sicherzustellen. Achim Truger ist Professor für Sozialökonomie mit den Schwerpunkten Regierungshandeln und Öffentliche Finanzen an der Universität Duisburg-Essen. Seit März 2019 ist er zudem Mitglied im Sachverständigenrat der deutschen Wirtschaft, der in der deutschen Presse oft als „Wirtschaftsweisen“ bezeichnet wird. Er erläutert die Bedeutung des neuen Gesetzes.

Herr Professor Truger, die deutsche Industrie steht traditionell für hohe Qualität und hohe Standards. Warum ist ein Lieferkettengesetz dann trotzdem wichtig?

Ja, das stimmt, aber Deutschland importiert auch billige Konsumgüter und bezieht viele preisgünstige Vorprodukte und Dienstleistungen entlang der Lieferkette. Und das berührt tatsächlich die Themen Anstand und Gerechtigkeit. Die Waren, die wir importieren und verbrauchen, sollten nicht unter menschenrechtswidrigen Bedingungen hergestellt werden. Das hat die Industrie bereits 2011 in einer Selbstverpflichtung versprochen. Allerdings haben 80 % der deutschen Firmen dieses Versprechen noch nicht eingelöst. Deshalb ist jetzt die Politik an der Reihe zu handeln.

Wird sich die deutsche Industrie dadurch nicht in eine schwächere Wettbewerbsposition versetzen?

Für die Unternehmen, die die Zusage noch nicht erfüllt haben, entstehen natürlich Kosten. Diese Kosten sind jedoch gering. Eine Studie der Europäischen Kommission beziffert sie auf nur 0,005 % des Umsatzes der relevanten Unternehmen. Zudem könnte der Imagegewinn, den sich deutsche Unternehmen dadurch erhoffen, letztlich ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Und davon profitieren natürlich auch die Unternehmen, die sich bereits an die Zusage halten.

Wäre eine europäische oder gar globale Regelung nicht sinnvoller als eine deutsche?

Natürlich sind solche Regelungen umso wirksamer, je breiter ihr Anwendungsbereich ist. Allerdings ist eine Einigung dann auch viel schwieriger zu erreichen. Insofern sind nationale Maßnahmen ein guter Anfang. Frankreich und die Niederlande haben bereits ähnliche Gesetze. Das Lieferkettengesetz dürfte auch den Anreiz für deutsche Unternehmen erhöhen, sich auf EU-Ebene für entsprechende Regelungen einzusetzen.

RELATED ARTICLES
- Advertisment -
Google search engine

Most Popular

Recent Comments